Fachbereich Frauen
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Eine Quelle finden...

Eine junge Frau kommt nach mehreren Monaten Obdachlosigkeit mit dem Mitarbeiter eines Jugendamtes zu uns. Sie wurde als Mädchen über Jahre hinweg von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht, mit Drohungen in Angst und Schrecken versetzt. Vertrauen kann sie derzeit nur ihrer eigenen Kraft. Mit großer Skepsis und Distanz begegnet sie den Mitarbeiterinnen. Mehr als die Kleider auf ihrem Leib hat sie nicht. Als sie einige Tage später einzieht, bringt sie eine kleine Tasche mit Habseligkeiten mit. Sie sucht Schutz für die kommende Zeit, in der der Prozess gegen ihren Stiefvater beginnt. Nach einigen Wochen schreibt sie:

„Als ich alles verloren hatte,kam ich nach Berscheba. ... Es ist schwer zu beschreiben, doch ab dem Zeitpunkt, als ich hier einzog, entfernt sich mein Leid von mir. ... Ich fand hier einen Halt, ein offenes Ohr und Vertrauen. ... Ich war so glücklich, einen Platz gefunden zu haben und einen Menschen, der für mich zuständig war und der mir gleichzeitig glaubt, so dass ich anfing träumen. ...
Mit viel Unterstützung und dem Gefühl, dass ich gemocht werde, versuche ich einen klaren Kopf zu bekommen, sammle Kraft, versuche zu vergessen. Beginne Zukunftspläne zu machen ... suche neue Wege, mein Leben zu gestalten. "

Sozialpädagogische Arbeit in Berscheba ist Beziehungsarbeit und benötigt ein großes Maß an stellvertretender Hoffnung für die ankommenden, nicht selten hoffnungslosen Frauen. Jede Frau kommt mit ihrer ganz eigenen Lebensgeschichte, mit den ihr eigenen Verletzungen, aber auch Sehnsüchten, Stärken und Begabungen. In der Wohngemeinschaft wird ganz individuell auf diese Frauen eingegangen, neues Vertrauen ermöglicht und mit viel Phantasie nach einer neuen Perspektive gesucht.

Dorothee Sölle, eine evangelische Theologie nannte es einmal treffend die „Phantasie der Hoffnung“.
Antonia Werr, die vor 150 Jahren solche Beziehungsarbeit mit den strafentlassenen Frauen damals leistete, beschreibt die ihr anvertrauten Frauen:

„Ihr Inneres ist wie ein tief hinab zugefrorener Fluss – ein, zwei und drei heitere, erwärmende Frühlingsmorgen reichen bei weitem nicht aus, diese dicke Decke zu schmelzen;
will man Wasser haben, muss man in das Eis hinein hauen, bis auf den Grund. So ist es auch mit diesen Seelen, man muss alle Künste der Welterfahrung, Klugheit und aufopfernde Liebe aufwenden, um diesen harten Herzen wie dem Wasser unter dem Eis, Luft zu machen. Ist einmal das Eis durchgebrochen, dann geht es gut und glücklich, und neu geboren fühlen sie sich nach dem Seelenbade“
(19.1.1859 Antonia Werr)


Dieses Eis der oft jahrelangen verletzenden Erfahrung gemeinsam zu schmelzen und dem Herzen Luft zu machen heißt, hinter der Verwahrlosung, dem Misstrauen, der Ablehnung, dem Versagen, dem Chaos der Frauen auf das Wasser, auf die ganz eigene Quelle in jeder Frau zu vertrauen und die Suche , die oft harte Arbeit beim „Frei-Hauen“ des Eises nicht zu lassen.


Arbeit in Berscheba heißt kleine Veränderungen wahrzunehmen und mitzuerleben, wie das Wasser das Eis durchbricht und sich neue Bäche bahnen, heißt miterleben, wie das alte Versprechen, der alte Schwur am Brunnen auch heute für Frauen wahr und erfahrbar wird.